Immer am Anfang | Prof. Thomas Hartmann

Von Anbeginn der Menschheit war die Malerei eine der wenigen Möglichkeiten,sich mitzuteilen. Für mich ist die Malerei die »Königsdisziplin« in der Bildenden Kunst, weil sie tief in den Menschen verwurzelt ist. Sie kann wild, schlampig, pompös, genau oder verschwommen sein, aber sie kommt nur aus dem Arm des Schaffenden. Malerei ist ohne große technische Hilfsmittel möglich – alles was man benötigt, ist vorhanden und unmittelbar.

Jeder Maler geht mit Erfahrungen und Wahrnehmungen in seiner charakteristischen Weise um. Über meine Arbeit zu sprechen,gelingt mir am ehesten aus der Vogelperspektive. Mit Abstand betrachtet, kann ich darüber reden. Ein Werk lässt sich kaum mit Willenskraft herstellen, und es ist schwer, die Kräfte zu benennen, die einen befähigen, Bilder zu malen. Hauptsächlich zwei widersprüchliche Sehweisen, die Weit- und die Nahsicht, die nicht zu vereinen sind, halten mich in Bewegung, weil ich keinen angemessenen Abstand zu meinen Bildern finde. Die Lust an Veränderungen, möglichst keine Wiederholungen, treibt mich an und hält meine Arbeit im Fluss. Alle Eindrücke verschwimmen im Inneren zu einem möglichen Bild. Der Inhalt besteht aus dem, was die Bewegungsmöglichkeit des ausgestreckten Armes, der den Pinsel auf der Leinwand führt, an Spuren hinterläßt und dadurch die Eigenart einer Handschrift vermittelt.

Das Wichtigste beim Malen ist es, eine Entscheidung zu treffen. Sie steht immer wieder für den Anfang. Die Schwierigkeit besteht darin, sich stets wiederlosreißen zu können, um zu neuen Bildern zu gelangen. Und trotzdem wird nie ein Bild verloren gehen, denn ein neues vereint die Erfahrungenaller bisher gemalten Bilder.

Wer den Weg des Gestalterischen und Schöpferischen einschlägt, ist näher an bestimmten Erkenntnissen als in anderen Berufen. Lehrende und Lernende sind in diesem Sinne gleich. Es ist wie in der Fotografie, wo der Film zwar belichtet, aber noch nicht entwickelt ist. Beim Entwickeln kann der Lehrende zur Seitestehen, auf die verschiedenen Stufen eingehen und anschließend das Erlernte fixieren helfen. Etwas als Künstler zu entdecken ist schön, aber man muss die eigene Arbeit verstehen lernen, um sie im eigenen Sinne weiterentwickeln zu können.

Die Akademie ist kein Elfenbeinturm, sondern ein geschützter Raum für eine gewisse Zeit, und man muss den Studierenden Zeit lassen. Die Künstler brauchen Mut und Selbstvertrauen. Vor allem aber müssen sie arbeiten. Es geht hier um Selbstwirken und Gestalten, nicht um die Selbstverwirklichung. Ein brauchbares Bild zu malen, erfordert eine enorme Anstrengung. Nur wer arbeitet, kann finden. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass eine regelmäßige Atelierarbeit schon während des Studiums übt, um später allein bestehen zu können. Künstler scheitern nicht an den Bedingungen des Kunstmarktes – damit umzugehen, ist natürlich auch sehr wichtig –, sondern fast immer an sich selbst. An der täglichen Arbeit im Atelier: sich nicht zu wiederholen, aus sich selbst zu schöpfen. Mein Wunsch für das künstlerische Leben der jungen Maler ist, dass sie in der Lage sind, eigene Methoden und Gedanken im Malprozess variieren und relativieren zu lernen. Das erfordert eine im Kern gefestigte künstlerische Haltung, die ich versuche ihnen zu vermitteln. Bei der Auseinandersetzung mit der Kunst lernt man nicht nur gewisse Sachverhalte und Techniken, man übt auch Fähigkeiten und Methoden, sogar Haltungen ein. Man verändert seine Einstellung gegenüber der sozialen und kulturellen Welt, nicht zuletzt die Einstellung gegenüber sich selbst. Ich denke, die Kunst hat etwas mit dem Bedürfnis zu tun, an unsere Grenze zu gehen. Deshalb ist für mich ein Fundament sehr wichtig und ich möchte jedem Studenten ein gutes Fundament geben, aufdem er seine eigenen Vorstellungen aufbauen kann. Wie sich jemand äußert, ist sekundär; die Bemühung um die Sichtbarmachung eines eigenen Weges, das ist es, was ich mit den Studierenden erreichen möchte.